Lies hier die Workshop-Arbeit der Workshopteilnehmerin Maria Herzog.
Das Gummiband
Ich verließ den Supermarkt. Es war schon spät am Vormittag, ein leichter Wind ging, der warm war und aus dem Süden kam, und obwohl die Sonne am Himmel stand, hatte sein Blau schon etwas Blasses, wie man es kennt, wenn der Herbst vor der Tür steht. Ein paar Spatzen landeten vor mir und stritten sich um irgendetwas auf dem Boden. Vom Fischwagen her, der vor dem Supermarkt stand, roch es nach Backfisch. Was für ein herrlicher Tag.
„Hallo“, rief jemand hinter mir. Ich wusste sofort, wer das war. Ach je, armer herrlicher Tag. Ich stellte meinen Einkaufskorb ab.
„Hallo, Bettina“, sagte ich.
Sie hatte mich eingeholt, halb umkreist und stand nun vor mir. „Hallo“, sagte sie noch einmal, „das ist ja schön, dass wir uns hier treffen.“ Sie strahlte mich an. Sollte ich jetzt zurückstrahlen?
„Ist ja ewig her, dass wir uns gesehen haben. Was machst du denn so? Seid ihr schon umgezogen? Also, ich hätte da ja gar keine Lust drauf, das wäre mir viel zu anstrengend.“
Ich seufzte. „Ja“, sagte ich und wollte hinzufügen: Wir sind umgezogen und es geht uns auch sehr gut im neuen Haus.
Aber sie war schon am Weiterreden: „Ach, das ist ja schön! Dann habt ihr diese Plackerei also hinter euch.“ Sie strahlte immer noch.
Ich nickte und wollte sagen: Naja, so schlimm war es eigentlich gar nicht.
Aber bevor ich dazu kam, sagte sie: „Ich komm dich mal besuchen, ich bin ja auch neugierig.“
Oh ja, das stimmte. Letzten Sommer, noch in der alten Wohnung, hatte ich sie eines Morgens beim Blick aus dem Schlafzimmerfenster in meinem Garten stehen sehen, wo sie meine Rosen inspizierte.
Sie lachte.
Ich nickte. Ich lächelte. Ich seufzte, dieses Mal lauter. Die Spatzen waren jetzt rüber zum Fischwagen gestoben, wo sie sich um ein halbes Brötchen balgten, das jemand hatte fallen lassen.
„Die Corinna“, fuhr sie fort, „du kennst doch die Corinna, die hier vorne gewohnt hat“, sie wedelte mit dem Arm in Richtung der Straßenecke am Ende des Parkplatzes, „die mit dem Dackel, die dieses knallrote Auto fährt, also die ist auch umgezogen …“
Holte sie nie Luft? Ich dagegen holte jetzt tief Luft, nickte, lächelte und seufzte – noch ein wenig lauter, das musste sie doch bemerken.
„... und ist total unglücklich“, sagte sie.
Ich hatte mal gehört, dass das viele Reden von einem Problem mit der Schilddrüse kam. Ihr Gesicht war jetzt ganz dicht vor meinem. Ich trat einen Schritt zurück und wollte sagen: Nee, die kenne ich nicht, als plötzlich ein Spatz auf dem Rand des Korbes landete. Ich verjagte ihn mit dem Fuß.
„Der Vermieter, das ist wohl ein ganz blöder Kerl.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf. Jetzt holte sie Luft!
„Du“, sagte ich schnell, „es war toll, mit dir zu reden, ich muss jetzt nur leider weiter.“ Der Spatz hatte Abstand genommen, kam nun aber wieder herangehopst. Ich hob den Korb hoch.
„Ach, schade.“ Da war Enttäuschung in ihrer Stimme, ganz klar – oder war es ein Vorwurf? „Ich würde so gerne einen Kaffee mit dir trinken, hier vorne ist doch dieses nette kleine Café.“
„Ach, superschöne Idee“, sagte ich, „passt mir aber leider gerade so gar nicht.“ Ich wechselte den Korb vom rechten auf den linken Arm.
„Ach, komm!“ Schon wieder war ihr Gesicht so dicht vor meinem, dass ihr Atem meine Nase berührte. Sie schüttelte den Kopf. „Du wirst doch ein Viertelstündchen Zeit haben. Leckeren Kuchen haben die da auch“, sie zeigte in Richtung des Cafés und redete gleichzeitig weiter, „kann ich zwar alle gar nicht essen, du weißt ja, meine Glutenunverträglichkeit“ – ich nickte, seufzte, aber jetzt so richtig laut, „aber lecker sind die. Wir sehen uns doch so selten!“
Dieser Blick! Genau wie meine Enkeltochter, wenn sie unbedingt einen Wunsch erfüllt haben wollte: Ach, Oma, bitte!
Ich wich Bettinas Blick aus und schaute ebenfalls in Richtung des Cafés. Und seufzte. Jetzt wieder leiser.
Sie redete weiter. „Hab ich meinem Bruder neulich auch gesagt, Martin, hab ich gesagt, komm doch öfter mal her, Martin, wir sehen uns ja auch so selten, dem geht's ja auch gar nicht gut, dem Martin, meinem Bruder, kennst du ja auch, der in der Nähe von Würzburg wohnt.“
Ich nickte, wechselte den Korb vom linken auf den rechten Arm zurück. Ob ich ihn noch mal abstellen sollte? Da lauerte immer noch der Spatz, der um uns herumhüpfte und jetzt auch noch Verstärkung von zwei weiteren Spatzen bekam. „Nee, du, heute leider wirklich nicht. Ich hab noch so viel zu erledigen, echt schade, ich würde ja gern.“ Ich versuchte es mal mit Säuseln. „Aber nachher habe ich leider noch einen Termin, meine Enkeltochter kommt für den Nachmittag, und später muss ich noch kochen“, ich deutete auf meine Einkäufe, „tut mir echt total leid. Ein andermal klappt‘s bestimmt!“
War ich rot geworden?
Sie gab noch nicht auf. „Wann hättest du denn mal Zeit? Wir können uns ja auch verabreden. Mal zum Frühstück vielleicht? In dem Café gibt‘s auch großartiges Frühstück, alles dabei, was das Herz begehrt, du!“ Dieser bittende Blick. Dieser unerbittlich bittende Blick. Oder war es ein bitterer Blick?
„Ja gerne“, sagte ich, „klingt fantastisch.“ Bloß nicht rot werden jetzt! „Wenn ich nachher zu Hause bin, schaue ich nach, wann ich Zeit habe und schicke dir eine Nachricht, okay?“
Sie nickte. Sie nickte langsam. „Na, dann mach das.“ Sie blickte mir fest ins Gesicht, als säße dort ein seltsames Insekt. „Ich hoffe ja nur, dass das auch mal was wird. Ich sag mal: bis bald.“
„Na klar, das wird schon was werden“, sagte ich, „bis bald, ich melde mich!“ Ich wechselte den Korb wieder von rechts auf links, nickte ihr noch einmal zu, drehte mich um und ging. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich wie an einem Gummiband festhielt, aber ich ging einfach weiter. Bis es riss.
War ich am Ende doch rot geworden? Ich würde bestimmt in der Hölle schmoren.
Der Spatzenschwarm stob direkt über mir auf eine Hecke am Parkplatzrand zu, einer von ihnen erleichterte sich im Flug, aber der kleine Klecks traf mich nicht, sondern klatschte ein paar Schritte neben mir auf den Boden.
Na also. Was für ein herrlicher Tag!
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