Lies hier die Workshop-Arbeit der Teilnehmerin Almut Haunstein. Es ist das erste Kapitel ihres Romans Goldfisch.
„Bartnelken wären noch schön, die hat sie immer gemocht.“
Der Wind fuhr in die Papiere auf dem Tisch. Die Rechnung des Bestatters, das Angebot vom Bäcker und die ersten Kondolenzbriefe flogen auf. Mit einem Schritt war Rosi am Fenster und schloss es.
„Ja,“ antwortete sie. „Aber Bartnelken sind in dieser Jahreszeit schwer zu kriegen.“
„Mmh.“ Ihr Vater blickte über die goldenen Ränder der Brille auf seine Hände, die auf den Papieren lagen. Die Altersflecken traten im Licht der Küchenlampe deutlich hervor. Seit ihrem letzten Besuch hatten sie sich vermehrt wie Rosis Sommersprossen im Juli. Nur dass Herbst war.
„Normale Nelken gäbe es. Oder eben Rosen.“
„Normale Nelken. Was sind denn schon normale Nelken?“ gab ihr Vater zurück.
Rosi zuckte mit den Schultern. „Na, eben welche ohne Bart.“
„Dann lieber Rosen. Hast du die Einladungskarten abgeholt?“ fragte er.
Rosi kramte in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch, aus dem Klebezettel in vier Neonfarben herauslugten. „Weiße oder gelbe?“
„Hm?“
Sie fing den Blick ihres Vaters ab, der irritiert wirkte, und gab ein Mü Nachdruck auf ihre Stimme: „Na, die Rosen.“
„Ach so. Weiß nicht. Weiß wahrscheinlich.“ Ihr Vater schob einzelne Blätter der Papiere von links nach rechts. Sein Blick wanderte durch den Raum, wie auf der Suche nach Halt.
Rosi beobachtete ihn und atmete. Ein und aus. Ganz ruhig.
Plötzlich hielt ihr Vater inne und starrte vor sich in die Luft. „Mochte sie überhaupt Rosen?“
„Papa, natürlich mochte sie Rosen! Du hast ihr doch immer welche mitgebracht. Zum Geburtstag, zum Jahrestag …“
„Ah ja.“ Sein Blick sprang wieder zu ihr, aber Halt schien er auch dort nicht zu finden.
Der Wind ließ die alten Kastenfenster klappern. Mama hatte ihn jahrelang gebeten, sie gegen neue, isolierte auszutauschen. So wie sie ihn an Arzttermine erinnert hatte und daran, seine Kinder zum Geburtstag anzurufen. Ohne sie hätte es keine Urlaubsreisen und keine Gespräche mit Nachbarn gegeben. Die Tür zum Wohnzimmer würde noch quietschen, der Gartenzaun zusammenfallen. Jetzt würden die alten Fenster bleiben.
Rosi griff in ihre Tasche. „Die Karten hab ich abgeholt. Briefumschläge hab ich auch schon vorbereitet. Das hier sind die, die ich mit der Post schicken muss. Und die hier bringe ich persönlich vorbei.“ Sie breitete das Zeugnis ihres Fleißes, ihres Gute-Tochter-Seins vor ihm aus. Über die Spuren von Kaffeetassen und Weingläsern, Messern und Kugelschreibern, Jahren und Tagen.
Ihr Vater starrte durch sie hindurch.
„Vielleicht doch lieber gelbe Rosen“, sagte sie. Ein und aus. Das Ausatmen immer länger als das Einatmen. Sie hatte ja Zeit. „Willst du die Karten sehen?“
„Hm? Ach so. Ja, ja.“
Rosi schob ihrem Vater die Karten unter die Nase. Er griff nach den adressierten Umschlägen und rückte die Brille zurecht.
Die Küchenlampe gab sich Mühe, gegen die Dunkelheit anzuglimmen, die mehr und mehr von draußen hereinsickerte.
Wie hatten ihre Eltern nur in diesem Licht die Zeitung lesen können?
„Ich finde, sie sind ganz schön geworden“, sagte sie. „Das Kreuz schön dezent. Und ich habe jetzt doch die Schrift mit Serifen genommen, der Typ in der Druckerei meinte, die ist einfacher zu lesen, vor allem für alte Leute ...“
„Wo ist die für Beat?“
Rosi zog ihre Hand von der Karte, wie von einem Stromschlag getroffen. Hatte sie richtig gehört? War das wieder so ein provokanter Witz? Unfassbar. Aber das hier war Mamas Beerdigung, da würde er doch nicht ...
„Na, die Karte, also der Umschlag. Da ist keiner für Beat dabei“, sagte er
„Dein Bruder?“
Ihr Vater versteifte sich auf seinem Stuhl.
„Ja natürlich, wer denn sonst?“
„Du willst, dass Beat kommt?“
„Ja, natürlich. Er hat Lenchen doch gemocht, die beiden haben sich gut verstanden. Sie hatten sogar den gleichen Musikgeschmack, dieses Schlagergedöns …“
„Papa! Was soll denn das?“ Rosi beugte sich unter der Küchenlampe nach vorn, schaute ihm von unten ins Gesicht und suchte nach dem Schalk, der jeden Moment hervorspringen und sie aufbrausen lassen würde. Aber da war nichts. Nur ein Rest getrockneter Spucke im Mundwinkel. Die Lippen setzten an, er schien etwas sagen zu wollen, aber es blieb irgendwo zwischen Gedanke und Aussprechen stecken. Die Stirn in Falten, die Augen wie im REM-Schlaf, dabei weit geöffnet und auf sie gerichtet. Auf die Tochter, die ihm ins Wort gefallen war.
„Entschuldige, aber das verstehe ich einfach nicht: Du redest doch seit fünf Jahren nicht mehr mit Beat. Seit der Sache mit Ömchens Bild.“
„Was denn für ein Bild?“
Rosi sprang vom Stuhl auf. Das ging zu weit. „Na der Chagall! Den Beat verschachert hat, um seiner viel zu jungen Frau ein Haus, ein Auto und eine Kosmetiklinie zu kaufen. Luise, die doch eh nur sein Geld will. Das werd ich ihm nie verzeihen! Papa, was ist los mit dir?“ Rosis Hände, eben noch Gänsefüßchen in die Luft zeichnend, verharrten auf halber Höhe zwischen ihr und ihrem Vater. Die Handflächen nach oben gerichtet, bereit eine Erklärung zu empfangen. Doch ihr Vater starrte sie an wie ein Schauspiel, von dem er nicht wusste, was er davon zu halten hatte.
„Beat hat den Chagall verkauft?“
Rosi ließ die leeren Hände fallen und ergab sich der Schwerkraft. Der Stuhl fing sie ächzend auf. Da war doch was gewesen mit Atmen. Ein, Aus. Ein, Aus. Das Einatmen immer länger als das Ausatmen. Auf dem Tisch stand die alte Wasserkaraffe. Böhmisches Kristall. Hundeschwer und schlecht zu reinigen, weil man kaum durch den Flaschenhals hindurch kam. Aber Mama hatte sie nicht weggeben wollen, selbst, als sie sie kaum mehr halten konnte, ohne etwas zu verschütten. „Papa – trink mal nen Schluck.“
„Warum?“
„Trinken ist wichtig. Vor allem in deinem Alter.“
„In meinem Alter. Mein liebes Frollein!“ Ihr Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück, dass er knarzte. Er verschränkte die Arme und ignorierte das Wasserglas, das Rosi ihm hinschob.
„Papa, sag mal, welcher Tag ist heute eigentlich?“
„Wieso?“
„Mittwoch?“
Schielte er nach dem Kalender, der neben der Tür hing? Das rote Plastikquadrat hatte sie vorhin noch an die richtige Stelle geschoben. Aber die Küche lag nun fast komplett im Dunkeln, nur der Tisch zwischen ihnen eine Insel im schwachen Licht.
„Heute ist Dienstag“, sagte er, „da kommt Let’s dance.“
„Ach ja?“ Seit wann schaute er Let’s dance?
„Und welches Datum haben wir?“
„18. September. Ist das jetzt ein Verhör hier?“
Irrte sie sich? Oder war ihr Vater einfach sehr geschickt? „Nein, nein, ich hatte es nur kurz vergessen. So viel zu tun, ich brauch echt mal Urlaub … Wo warst du nochmal zuletzt mit Mama im Urlaub?“ Rosi erschrak fast über sich, so schnell hatte sie ihre Sätze zurechtgelegt und ausgesprochen. Das ist nicht recht, den eigenen Vater so auf’s Glatteis zu führen.
„Ähm, wir … wir waren …“
„Italien!“ sagte sie. „Oder war es an der Ostsee?“
Er schob die Papiere zusammen und dann wieder auseinander. Ein Blatt rutschte vom Tisch und er versuchte es aufzufangen. Sie fühlte sich schrecklich.
„Nein, nein, wir waren in … wie hieß das denn nochmal… Ach, ich komme gerade nicht drauf. Egal, was ist denn jetzt mit der Karte für Beat?“
Rosi atmete aus und ließ locker. Für heute war es genug. Aber an ihr zog das Gefühl, hier auf etwas gestoßen zu sein. Etwas, dass Möglichkeiten in sich barg. Oder Katastrophen. Oder beides.
„Ist gut“, sagte sie. „Ich schreibe eine für Beat.“